Forschung

Ich sah sogleich, daß diese Tabelle zu Ziehung des Facit bestimmt war. Es wurden nemlich die Plus und die Minus, die sich sowohl auf den Tafeln, als in den Berichten derer, welche in verschiedenen Aemtern die Aufsicht über die Andern geführt hatten, befanden, auf dieselbe übergetragen und hier gegen einander berechnet.
Johann Heinrich Gottlieb Heusinger: »Einige Vorschläge…« (1800)

Die Revolution der Prüfung:
Eine Geschichte pädagogischer Objektivität

Dissertationsprojekt an der Universität Mainz

Das Forschungsprojekt untersucht die Technologien des pädagogischen Prüfens und Beurteilens aus historisch-wissenssoziologischer Perspektive. Im Mittelpunkt stehen dabei die dreißig Jahre vor und nach 1800. Nicht dass zu Lernprozessen nicht immer schon Mittel der Erfolgskontrolle gehört hätten. Hier jedoch, in der »modernen Bildungsrevolution« (Heinrich Bosse), entsteht an der Schnittstelle von pädagogischen Diskursen, staatlichen Institutionen und schulischen Praktiken diejenige spezielle Bewertungskultur, die aus der heutigen Schule und damit unseren individuellen Biographien nicht mehr wegzudenken ist und längst ihre Wurzeln auch weit außerhalb des Schulsystems geschlagen hat.

Der Fokus liegt dabei auf den Praktiken des Erhebens, Dokumentierens und Zertifizierens dessen, was als Leistung verstanden wird, sowie auf der Sprache der Normen, Standards und Kriterien. Denn die moderne Schule, so die These, steht zu Beginn ihrer Geschichte vor der Aufgabe, die punktuelle, flüchtige Einschätzung des Lehrers in valide, legitime, justiziable Urteile zu überführen, sprich: objektiv zu machen. Eine Gesellschaft, die die Ständeordnung durch das Leistungsprinzip ersetzt und sich die Gleichbehandlung aller auf die Fahnen schreibt, muss auch das Geschäft des schulischen Prüfens und Urteilens »ohne Ansehung der Person« betreiben — mit einer Gewissenhaftigkeit, die der kaufmännischen Buchführung in nichts nachsteht:

Das gehörige Registriren wird ja sonst bey allen andern Verwaltungsgeschäften, von der Staatswirthschaft an bis zur gemeinsten Haushaltung, mit Recht für eines der wesentlichsten Erfordernisse gehalten, und darauf gesehen, alles dahin zielende aufs zweckmäßigste einzurichten. Es kann uns nicht rühmlich seyn, hierin hinter andern Geschäftsfächern zurückzubleiben, und durch eine solche Sorglosigkeit von unserer Seite die geringe Meinung zu rechtfertigen, welche die Menschen gewöhnlicher Weise von unsern Arbeiten hegen.
Karl Friedrich Etzler: »Etwas über die Censurbücher« (1797)

Leistungsbewertung nimmt mit der großen Bildungsrevolution des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts den Charakter von Verwaltungstätigkeit an, und als solche wird sie zumindest von den leidenschaftlicheren Lehrern dieser Zeit auch aufgefasst. Diesen Wandel nachzuzeichnen, ist Aufgabe des Projekts. Datengrundlage ist dementsprechend vor allem jenes Material, das in den Archiven von Schulen und Schulverwaltungen lagert: Prüfungsprotokolle, Zensurenbücher, Korrespondenzen von Direktoren und Behörden — in diesem Falle vor allem der preußischen, weshalb ein Großteil der Forschung zu diesem Unterfangen in Dahlem, am Eichborndamm und in der Warschauer Straße stattfand und -findet. Die Arbeit ist somit auch ein Stück Mikrogeschichte des Berliner Schulwesens.

Beginn: September 2010
Einreichung: August 2015
Verteidigung: Mai 2016
Veröffentlichung: Sommer 2018