Lehre

Sommersemester 2012

Historische Bildungssoziologie: Theorien, Methoden, Kanon
Universität Mainz · Institut für Soziologie

Anders als noch zu Zeiten ihrer Entstehung betrachtet die Soziologie heute das Feld der Bildung fast ausschließlich in seiner gegenwärtigen Form. Das Blockseminar möchte diese Sichtweise ergänzen, indem es seinen Gegenstand aus historisch-soziologischer Sicht in den Blick nimmt. Neben ›klassischen‹ soziologischen Ansätzen sollen dabei auch sozialhistorische, bildungsgeschichtliche und kulturtheoretische Stimmen zu Wort kommen.

Im Mittelpunkt stehen dabei: Theorien des Wandels von Bildung und Erziehung (Rationalisierung, Disziplinierung, Zivilisierung); soziologische Analysen historischer Bildungssysteme (Frankreich, Preußen, China); die Geschichte sozialer Praktiken und Ordnungen des Bildungssystems (des Unterrichts, der Schulklasse, des Prüfens).

Empfohlene Literatur:
Emile Durkheim (1902/84). Erziehung, Moral und Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp

Norbert Elias (1939/76). Über den Prozeß der Zivilisation. Frankfurt: Suhrkamp

Michel Foucault (1975/76). Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt: Suhrkamp

Norbert Ricken (2006). Die Ordnung der Bildung: Beiträge zu einer Genealogie der Bildung. Wiesbaden: VS.

Elisabeth von Stechow (2004). Erziehung zur Normalität: Eine Geschichte der Ordnung und Normalisierung der Kindheit. Wiesbaden: VS.

Wintersemester 2011/12

Die Normierung der Schule
Universität Mainz · Institut für Soziologie

Ein Schulheft ist 210 mal 297 Millimeter groß; eine Unterrichtsstunde hat 45 Minuten; Bildungsstandards legen fest, was es zu lernen gilt; Gesetze regeln, ob Lehrer Dialekt sprechen und mit welchen Accessoires sie sich schmücken dürfen. Wie nahezu alle Bereiche moderner Gesellschaften ist auch das Feld der Bildung hochgradig normiert: verbindlich festgeschriebene Regeln bestimmen seine institutionelle Ausgestaltung, seine materielle Ordnung und die Interaktion der Akteure untereinander.

Doch auch jenseits externer Verordnungen kann die Schule als Raum mit eigenen sozialen Normen und Normalitätskonzepten gelten. In mikrosoziologischer Sicht scheint sie geprägt von Routinen und Ritualen, die selten schriftlich fixiert, nicht immer sprachlich zugänglich, aber oftmals wandelbar sind und von den Beteiligten immer wieder neu ausgelegt werden. Sie bestimmen das turn-taking im Unterricht; sie regeln, wer wen wie anredet; sie legen fest, wer »dazugehört« und wer nicht.

Dass es daneben aber auch offiziell Aufgabe der Schule ist, zwischen Normalität und Abweichung zu unterscheiden, wird (nicht nur) im Bereich der Leistungsbewertung deutlich, welche mit der Schule in funktional differenzierten Gesellschaften untrennbar verknüpft ist. Indem sie ihre Schüler gleichbehandelt, also an denselben Normen misst, schreibt sie ihnen, mit Foucault, ihre Individualität als Grad der Abweichung von Ideal-, Mindest- oder Durchschnittserwartungen zu. Für Bourdieu verschleiert eben jene Gleichbehandlung, dass in der Schule die dominante Kultur immer schon als Norm gilt, an der sich Schüler mit ihrem mitgebrachten kulturellen Kapital zu messen haben.

Im Mittelpunkt des Seminars stehen somit drei Aspekte: (1) die Normiertheit der modernen Schule als »Veranstaltung des Staates«; (2) die sozialen Normen der Schule, ihre Reproduktion und Modifikation; (3) die Produktion von Normalität und Abweichung durch die Schule. Einführend thematisiert das Seminar die Begriffe der Norm, Normierung, Normalität und ihre theoretischen und methodologischen Schwierigkeiten. Ziel des Seminars ist es, unter Einbeziehung pädagogischer, kulturtheoretischer und sozialgeschichtlicher Perspektiven einen bildungs- und wissenssoziologischen Zugang zum Zusammenhang von Schule und Normen zu entwickeln.

Empfohlene Literatur:
Herbert Kalthoff/Helga Kelle (2000). »Pragmatik schulischer Ordnung: Zur Bedeutung von »Regeln« im Schulalltag«. Zeitschrift für Pädagogik 46.5. 691-710.

Thomas Loer (2008). »Normen und Normalität«. In: Herbert Willems, Hg. (2008). Lehr(er)buch Soziologie. 2 Bände. Wiesbaden: VS. 165-84.

Elisabeth von Stechow (2004). Erziehung zur Normalität: Eine Geschichte der Ordnung und Normalisierung der Kindheit. Wiesbaden: VS.

Sommersemester 2011

Die Selektion der Schule
gemeinsam mit Herbert Kalthoff
Universität Mainz · Institut für Soziologie

Die Soziologie geht im Allgemeinen davon aus, dass die Institution Schule zwei gesellschaftliche Funktionen erfüllt: Erstens vermittelt sie Wissen an die Schüler (Vermittlungsfunktion) und sie vermittelt zweitens Wissen über Schüler, denn sie bewertet und beurteilt eben diesen Wissenserwerb als auch die intellektuelle und persönliche Entwicklung des Schülers an den verschiedenen Stationen der Schullaufbahn (Selektionsfunktion). Das Seminar wird sich mit dieser zweiten Funktion beschäftigen. Die Institution Schule ist zutiefst mit dieser Funktion der Selektion verknüpft: sie sortiert in Jahrgänge, Leistungsstufen oder Kompetenzschwerpunkte, markiert Einserkandidaten ebenso wie Förderungsbedürftige, und trägt maßgeblich zur Verteilung der Schüler auf gesellschaftliche Positionen bei.

Für Theorien der ökonomischen und kulturellen Reproduktion zeigt sich in den schulischen Klassifizierungen die »Alchemie der Schule« (Bourdieu), d.h. die Umwandlung sozialer Unterschiede in schulische attestierte Differenzen. Mikrosoziologische Studien der schulischen Klassifizierungspraxis argumentieren hingegen, dass im Bewertungsvollzug die Bewertung einer Schülerleistung und Selbstbeobachtung der Lehrperson miteinander gekoppelt sind. Das heißt, dass Lehrpersonen immer auch ihre eigene Leistung bewerten. Das Seminar wird sich intensiv mit den verschiedenen theoretischen Ansätzen und empirischen Beobachtungen zur schulischen Bewertungspraxis auseinandersetzen. Im Zentrum der Erörterung stehen dabei folgende Aspekte:

  • die historischen Wurzeln schulischer Selektion an der Schwelle vom Geburts- zum Leistungsprinzip,
  • die Praktiken der Differenzierung und Klassifizierung in Unterricht und Prüfungen,
  • die Materialität des Bewertungsprozesses in Protokollen und Zeugnissen,
  • die Rolle sozialer Unterschiede in der schulischen Leistungsbewertung.